von Dirk Eickenhorst
Robert (vor drei Wochen)
Du sitzt da, und kannst nichts dagegen tun. Sitzen. Warten. Ewig warten. Jedenfalls kommt es dir wie eine Ewigkeit vor. Minuten triefen dickflüssig vom Ziffernblatt der Armbanduhr, die du fixierst wie ein Jagdhund die Beute. Jeder Tropfen zähe Honigzeit, die über den Rand der Uhr trieft. Jede Sekunde eine, die dir in Zukunft fehlt. Du hast das Gefühl, jeder Tropfen kostet eine Ewigkeit deines Lebens. Dann, du hast es schon gar nicht mehr erwartet, hörst du ihn. Der uniformierte Kerl mit dem ältlichen Gesicht ruft dich auf. „Zapotek, Robert. Strafsache Sendling gegen Zapotek?" Du fragst dich, welche Antwort der Typ auf seine Frage erwartet. Du sagst „Hier", weil dir nichts Dämlicheres einfällt, und folgst dem Typen in den Gerichtssaal. „Guten Morgen, Herr Zapotek, nehmen sie bitte hier vorne Platz", sagt der fette Sack, der in der Mitte des großen Tisches am anderen Ende des Raumes sitzt. Du fragst dich, was an diesem Morgen so verdammt gut sein soll, und wünschst den Fettsack zum ersten Mal zur Hölle. Muss wohl der Richter sein, denkst du dir. Du fragst dich, wie ein Mann, der den ganzen Tag lang an diesem breiten Tisch seinen noch breiteren Hintern platt sitzt, sich dieses ganze Fett anfressen kann. Du beschließt nicht zu erwarten, dass dir diese Frage jemals beantwortet wird, hältst die Klappe und setzt dich auf den blöden Stuhl. Du setzt ein Gesicht auf, das dem Richter signalisiert, dass du der unschuldigste Mensch der Welt bist, und auf dem falschesten aller Stühle sitzt. Der Fettsack quatscht dich wieder an. „Herr Zapotek, sie sind als Angeklagter geladen. Sie wissen, dass sie die Wahrheit sagen müssen und dass ich sie vereidigen lassen kann. Lügen sie dennoch, machen sie sich strafbar." In diesem Moment wünschst du den Fettsack zum zweiten Mal zur Hölle und sagst einfach „Ja, Euer Ehren". Dann verliest ein Clown, wohl der Staatsanwalt, deine Anklage. Was du hörst, ist dir nicht neu. Jedes Wort trifft zu. Ja, du hast dir das Vertrauen dieser dämlichen Kuh erschlichen. Ja, du hast sie dazu gebracht, dich zu heiraten. Obgleich du keinerlei Gefühle für sie gehegt hast. Ja, es war nicht das erste Mal, mit einer weiteren Frau hast du es genau so gemacht. Ja, es war hinterhältig, das erschlichene Vertrauen zu missbrauchen, um eine Generalvollmacht für ihr gesamtes Vermögen zu bekommen. Bla Bla Bla. Es freut dich, dass der Typ endlich die Schnauze hält. Du fragst dich, was diesen Blödmann das alles angeht. Die Schlampe hat dich geheiratet, also war es doch wohl reine Privatsache! Was soll daran strafbar gewesen sein? Dein Anwalt, ein blasierter Wiener, den du auf den Tod nicht ausstehen kannst, der aber seinen Job wie kein anderer versteht, labert irgendwas von großer Liebe und Vertrauen. Dass die Ehe wegen unüberbrückbarer Differenzen und der Untreue der Ehefrau scheiterte. Dass sie die Generalvollmacht eigenhändig ausgestellt hat, bevor du erfuhrst, dass sie mit anderen Männern ins Bett ging. Du merkst, dass dein Anwalt, den du magst wie einen Riesenpickel am Hintern, jeden Euro wert ist, den du ihm zahlst. Du freust dich, dass er deine Ex, Gott hab sie selig oder nicht, zum Sündenbock macht. Was soll es, denkst du, die Alte lebt sowieso nicht mehr. Nur deswegen sitzt du hier. Die dämliche Kuh hat sich zwei neue Körperöffnungen in die Arme geschnitten. Als ob das nicht ekelhaft genug wäre, musstest du sie auch noch finden, als du ihren Schmuck aus dem Safe klauen wolltest. Lag in der Badewanne und verblutete vor sich hin. Du hast Angst bekommen, nicht gewusst, wie du dich verhalten solltest. Du brachtest erst mal in aller Ruhe alle Wertsachen aus der Wohnung in deinen Wagen, und von unterwegs zur Bank riefst du viel zu spät den Krankenwagen. Dummerweise hast du den Abschiedsbrief übersehen, den deine Frau für dich schrieb. Der Staatsanwalt, der die ganzen vier Meter bis zu deinem Stuhl aus dem Hals nach Kohl stinkt, verliest den Brief. Aus dem Schrieb geht hervor, dass sie einen Detektiv auf dich angesetzt hatte. Sie hatte den Verdacht, einem Heiratsschwindler aufgesessen zu sein. Der Detektiv hatte etwas gefunden, einige Papiere mit deiner Unterschrift. Oder besser deiner Handschrift, auf einen anderen Namen lautend. Eine Generalvollmacht, ausgestellt auf einen deiner vielen Namen. Und mit der Unterschrift von Frau Nummer eins, die heute als Zeugin geladen ist und auf Stein und Bein schwört, mit dir verheiratet zu sein. Du hast sie nach der Hochzeit gleich sitzen lassen, sagt sie. Zum Glück hat sie einen reichen Mann gefunden, der sie getröstet hat, sonst hätte sie sich womöglich auch die Pulsadern aufgeschnitten, sagt sie. Du wünschst dir ehrlich, sie hätte es getan, und für einen kurzen Moment träumst du, ihr dabei zu helfen. Dann wird dir klar, wie sehr sie dich belastet. Du denkst: Jetzt bist du im Arsch, Alter, aber dann reißt dein genialer Anwalt dich doch noch raus. Du hörst schon gar nicht mehr hin, das ganze Juristengelaber macht dich nur müde. Und dann, plötzlich, kannst du gehen. Einfach so. Frei. Aus Mangel an Beweisen. Der fette Richter kann es sich nicht verkneifen, dir noch zu sagen, dass er dich für schuldig hält. Du denkst dir „Leck mich doch!" und gehst zufrieden nach Hause. Du denkst an die vielen reichen Weiber, die noch auf dich warten. Du hörst die Hochzeitsglocken läuten. Und wunderschöne Scheine rascheln. Der zweite Ton gefällt dir eindeutig besser.
Renate (letzte Woche)
Bald ist es so weit. Ich kann es nicht erwarten. Warum dauert das so lange? Wieso eine ganze Woche? Warum muss eine Woche sieben Tage haben? Und jeder Tag auch noch vierundzwanzig Stunden? Reichen nicht zwölf auch? Also mir würden sie reichen. Aber nein, vierundzwanzig! Und als ob das nicht schlimm genug wäre, besteht jede verdammte Stunde auch noch aus sechzig Minuten. Wer denkt sich eigentlich so einen Käse aus? Aber was hilft es, ich werde weiter warten. Daran, dass jede Minute von den vierundzwanzig Stunden der sieben Tage der einen Woche auch noch sechzig Sekunden hat, denke ich jetzt einfach nicht. Sonst werde ich wahnsinnig. Verdammt, wieso ist der Prosecco wieder alle? Habe ich wirklich schon die ganze Flasche geleert? Renate, Renate! Das darf mir nicht noch öfter passieren, sonst verkomme ich noch zur Säuferin. Wie Mutter. Und ich will schließlich nicht wie Mutter enden. Aber gerade deshalb warte ich ja noch die Woche ab. Damit ich nicht wie Mutter ende. Als armselige Alkoholikerin, mit blauen Flecken übersät vom liebenden Göttergatten. Das versoffene Schwein hat meine nicht minder versoffene Mutter windelweich geprügelt, und ich armseliges Würstchen habe mit meinen dreizehn Jahren heulend in der Tür gestanden und die Welt nicht mehr kapiert. Und als er mich dann endlich bemerkte, hat er sich da bei mir entschuldigt? Dafür, dass er mir die ganze beschissene Kindheit versaut hat? Dass er mir meine Mutter genommen hat, und mir dafür ein dem Alkohol verfallenes Wrack ohne Selbstwertgefühl vor die Füße geworfen hat? Nein, mein Vater hat sich nicht entschuldigt. Verdrückt hat er sich. Als er das letzte bisschen Stolz aus meiner Mutter gedroschen hatte, nahm er sich eine neue Frau und ging. Er ließ mich allein mit dieser Frau, die zu kaputt war zum Leben. Und nicht kaputt genug zum Sterben. Ich hasste sie. Für ihre Schwäche. Dafür, dass sie dieses Schwein bis heute verteidigt. Sich selbst die Schuld für ihr Unglück gibt. Dafür wiederum hasse ich ihn. Ich. Hasse. Meinen. Vater! Ich hasse ihn dafür, dass er brutal ist, ich hasse ihn dafür, dass er meine Mutter geheiratet hat, und am meisten hasse ich ihn dafür, dass er mir seine ekelhaften Schweinegene vererbt hat. Wer hat mich jemals gefragt, ob ich von diesem Mann gezeugt werden möchte? Keiner! Ich hasse ihn und alle Männer gleich mit. Wer braucht die schon? Ich sicher nicht! Wenigstens dass haben meine famosen Eltern auf die Reihe gekriegt. Sie haben dafür gesorgt, dass ich mich nicht mit diesen testosterongesteuerten Menschenaffen herumschlagen muss. Dafür bin ich meinen Eltern dankbar. Wäre ich nicht lesbisch, ich hätte Bernadette nie kennengelernt. Es ist wunderbar, dass ich sie lieben darf. Mit ihr leben darf. Sie wird mir ermöglichen, meinen Traum wahr zu machen. Es diesen Schweinen heimzuzahlen. Es ihm heimzuzahlen! Ich werde dabei nur an ihn denken! Ihm jeden noch so kleinen Schmerz widmen, den ich Robert Zapotek antun werde. Zusammen mit Bernadette. Was dieser Mann ihr angetan hat, ist mindestens genauso schlimm wie dass, was mein Vater mir antat! Vielleicht sogar noch schlimmer. Er hat Bernadettes Schwester auf dem Gewissen. Sie nahm sich das Leben, bevor ich Bernadette begegnete. Als ich sie das erste Mal in dieser Bar sah, war ich sofort in ihre großen, traurigen Augen verliebt. Sie erzählte mir, wie das Schicksal sie um ihre Schwester betrog. Natürlich war es ein Mann! Er hieß Robert. Anke wollte ihn heiraten. Anke, so hieß Bernadettes Schwester. Nach der Hochzeit war der Kerl weg. Und ihr Geld auch. Anke war wohlhabend, als ältere der beiden Schwestern hatte sie die Firma der Eltern übernommen. Nach der Hochzeit waren die Firmenkonten leer und mit dem Geld auch der frisch verheiratete Mustergatte verschwunden. Anke verzweifelte und schnitt sich die Pulsadern auf. Sie ist in der Badewanne verblutet! Welcher Mann ist so etwas wert? Keiner! Und irgendwann ist Bernadette und mir der Gedanke gekommen, dass wir Anke rächen sollten. Dass Robert Zapotek für seine Sünden büßen muss. Und für die Sünden meines Vaters gleich mit. Nächste Woche. Dann hat das Warten ein Ende. Dann sind wir frei, Bernadette und ich. Frei von den Männern, die unseren Lieben so viel angetan haben. Wir planen es seit Jahren. Zuerst hat Bernadette versucht, an Robert heranzukommen. Sie wollte ihn dazu bringen, bei ihr die gleiche Nummer abzuziehen wie bei Anke. Aber es funktionierte nicht. Robert war nicht interessiert. Bernadette hatte zu wenig Geld, und ohne Moos ist bei Robert nix los. Aber diesmal wird es gehen. Ich habe meine gesamten Ersparnisse zu ihren dazugetan, habe mein Auto verkauft und einen Kredit aufgenommen. Und das Gleiche hat mein Schatz getan. Da Robert Zapotek meine süße Bernadette ja schon kennt, haben wir uns etwas Unglaubliches ausgedacht. Ich werde die Braut sein! Und dieses Mal wird Robert der sein, der leer ausgeht. Diesmal wird alles ganz anders sein! Bernadette und ich fliegen nach Teneriffa, und Robert ... Robert wird tot sein! Er hat es verdient. Monatelang musste ich ihm die Verlobte vorspielen. Ich hätte kotzen können! Ich musste seine widerlichen Finger auf meinem Körper ertragen! Das war das Ekelhafteste, das ich je erlebt habe. Ekliger als das Gesicht meines Vaters, wenn er Mutter schlug, und sogar ekelhafter als ihre Versuche, ihn dafür in Schutz zu nehmen. Zum Glück musste ich nie mit ihm schlafen, ich hätte es nicht ertragen! Ich spielte ihm die gläubige, brav-katholische Maus vor, die sich für die Hochzeitsnacht aufheben möchte. Er dachte vermutlich die ganze Zeit nur an das Geld! Der Gedanke an seinen bevorstehenden Tod ließ mich die Berührungen ertragen, die er sich nicht verkneifen, und ich mir nicht ersparen konnte. Nächste Woche ist es soweit! Wieso muss es so lange dauern? Eine ganze Woche, sieben lange Tage! Verdammt, mein Mund ist so trocken! Ich sehe mal nach, ob ich noch Prosecco im Kühlschrank habe. Sieben Mal vierundzwanzig Stunden! Ich halte das nicht aus! Ah, da ist ja tatsächlich noch eine Flasche! Nächste Woche wird Robert Geschichte sein! Bernadette und ich werden zusammen sein! Wir werden uns unser Geld zurückholen, und seines nehmen wir uns auch. Dann kann das Leben kommen. Ein Leben ohne Männer. Es lebe das Leben! Der Prosecco tut gut. Auf Dich, Robert. Auf dich und das Ende deines wertlosen Lebens!
Ende der Leseprobe
Die komplette Geschichte erscheint Mitte 2012 bei Amazon.de als eBook.